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Unsere Schützenbruderschaft trägt den Namen eines großen Volksheiligen, des heiligen Hubertus.
Schon aus diesem Grunde interessiert uns, was wir über sein Leben wissen und warum man ihn schon seit vielen Jahrhunderten verehrt als Helfer gegen Tollwutgefahr, als Patron der
Jäger und der zahlreichen Schützenbruderschaften und -gesellschaften, die sich nach ihm benannt haben und sein Abbild oder den Hirsch mit dem Kreuz als Vereinszeichen
führen.
Der heilige Hubertus hat eigentlich nicht so sehr durch sein Leben als vielmehr durch die spätere Legende vom Hirschwunder beim Volk ein breites Echo bis zum heutigen Tag
gefunden. Er selbst entstammte einem der mächtigsten Geschlechter an Maas und Mosel. Als einer der Großen des fränkischen Reiches wurde Hubertus, der verheiratet war und einen
Sohn hatte, Nachfolger des in Folge von Familienstreitigkeiten ermordeten hl. Lambertus Bischof von Maastricht. Ihm gelang es sehr bald, die schwierige Situation zu meistern und
für Frieden zu sorgen. Den Bischofssitz übertrug er nach dem rasch an Bedeutung gewinnenden Lüttich, wo er nach seinem Tod im Jahre 727 zunächst auch begraben wurde. Schon wenige
Jahrzehnte später wurde er als Heiliger verehrt, und sein Leib wurde 825 von Lüttich in das in Mitten der Ardennenwälder gelegene Benediktinerkloster Andain gebracht, das später
den Namen St. Hubertus erhielt.
Wahrscheinlich schon vor dem Jahre 1000 bildete sich eine eigene Verehrungsform heraus. Seit dieser Zeit gilt Hubertus als Patron der Jäger, und unter den ältesten
niedergeschriebenen Wundern an seinem Grabe gibt es einen Bericht, nach dem Hubertus einen Tollwutgefährdeten geheilt habe. Damals entstand eine nur in Saint-Hubert eigentümliche
Praxis, die sich bis in unser Jahrhundert erhalten hat und die als Schutz vor Tollwut angesehen wurde. Wie uns die Legende überliefert, hatte ein Engel dem hl. Hubertus bei einem
Besuch in Rom die heute noch in Saint-Hubert aufbewahrte Stola übergeben. Außerdem soll Hubertus einen Schlüssel vom Himmel erhalten haben, der ebenfalls in der Verehrung des
Heiligen von großer Bedeutung war.
Bereits im 11./12. Jahrhundert wurde Tollwutverdächtigen aus der Stola des Heiligen ein Fädchen in einen kleinen Einschnitt in der Stirn gelegt und die Wunde verbunden. Die so
behandelten Kranken waren "les taillés, die Gestolten oder Eingeschnittenen". Die Verehrung des hl. Hubertus als Beschützer gegen Tollwut und als Patron der Jäger ist also sehr
viel früher zu datieren und unabhängig von der späteren Legende, dem Zusammentreffen von Hubertus mit dem kreuztragenden Hirsch und der Bekehrung des Jägers. Diese fromme Sage ist
vermutlich um 1400 mit dem Leben des Heiligen verbunden worden. Seit dieser Zeit wird Hubertus mit dem Kreuzhirsch dargestellt.
Die Übernahme der Hirschlegende und das Tollwutpatronat waren aber der wichtige Anstoß für die rasche Ausbreitung der Hubertusverehrung in den kommenden Jahrhunderten. Man muss
dies vor allem auch vor dem Hintergrund dessen sehen, dass im Mittelalter und bis weit ins vorige Jahrhundert die Tollwut als eine schreckliche und grauenhafte Krankheit
gefürchtet war, die sogar epidemieartig auftrat. Die Medizin der damaligen Zeit konnte keine Hilfe leisten. Die einzige Rettung sahen die Opfer der Krankheit in ihrem inbrünstigen
Glauben an die Hilfe des hl. Hubertus. Mittelpunkt der Verehrung war die Abtei Saint-Hubert, wenn auch inzwischen an vielen Orten dem Heiligen geweihte Kapellen und Altäre
entstanden. Aus nah und fern eilten die gefährdeten und verängstigten Menschen zum Kloster in den Ardennen, um sich zur Heilung oder Vorbeugung den rituellen Zeremonien und
Gebeten zu unterziehen.
Die "Gestolten" mussten zunächst neun Tage im Spital des Klosters bleiben und dort besondere Vorschriften beim Essen, Schlafen, Kleiden und Waschen und hinsichtlich bestimmter
Gebetsübungen beachten. Diese Gebote waren auch noch Wochen später verpflichtend. Vor allem mussten die Behandelten lebenslang den Hubertustag heiligen. Die in Saint-Hubert
Geheilten durften anderen "Ausstand erteilen", d. h. die Gewissheit geben, dass sie innerhalb einer bestimmten Zeit nicht von der Tollwut befallen würden. Tausende Gläubige sind
in den vergangenen Zeiten nach Saint-Hubert gepilgert. Erst seit dem mit der Entdeckung des Tollwutbazillus durch Pasteur gegen die Tollwut geimpft werden konnte, sank seit etwa
1880 die Zahl entscheidend. Im Jahre 1934 wurde der letzte Tollwutverdächtige in Saint-Hubert behandelt. Die Wallfahrt ist heute nahezu erloschen; aber immer noch zeugt eine
ungewöhnlich große und schöne Kirche davon, dass hier über Jahrhunderte hinweg Gefährdete und Verzweifelte Hilfe und Trost suchten und auch fanden. Gestützt auf die Legende,
Hubertus habe vom Himmel einen Schlüssel erhalten, war für die Verehrung auch ein weiterer volksreligiöser Brauch von Bedeutung.
Um Tiere von der Tollwut zu heilen oder sie davor zu bewahren, brannte man sie mit Stempeln, sogenannten "Hubertusschlüsseln", die vom Abt des Klosters gesegnet und verliehen
wurden. Einen solchen Schlüssel aus dem Jahre 1740 gab es früher auch in Gürzenich. Dazu gehörte der "Hubertusbrief": "Unterricht wie man sich der sogenannten Sanct Huberti
Schlüsseln, oder eisernen Hörnlein, so durch absonderliche Gebether gesegnet, und dann an die wunderbare Stohl des H. Huberti angeführt werden, gebrauchen muß".
In späteren Jahrhunderten nahm auch die Bedeutung der Jagd, ausgehend von den Herrscher- und Adelshäusern, im gesellschaftlichen Leben jener Zeit zu. Hieraus entwickelte sich
weithin ein besonderes Jägerbrauchtum, das ganz unter dem Zeichen von Hubertus stand. Bis heute ist er der Jagdpatron für die Jäger vieler Länder und verschiedenster religiöser
Bekenntnisse.
Hubertus, der Apostel der Ardennen, genoss seit alters her in den Pfarreien der Eifel, die ja früher zum Ardennenwald gehörte, eine besondere Verehrung. Sie wurde im Gebiet der
Herzöge von Jülich auch von den Landesfürsten, besonders nach dem denkwürdigen Tag der Hubertusschlacht am 3. November 1444 mit dem Sieg über die übermächtigen geldrischen
Kriegscharen, ausdrücklich unterstützt. Noch auf dem Schlachtfeld gründete der Herzog den Ritterorden von hl. Hubertus, der im Herzogtum Jülich bis in das 18. Jahrhundert
bestanden hat. Das Wirken dieser Rittergemeinschaft hat noch in besonderem Maße dazu beigetragen, dass die Hubertusverehrung in unserem Lande in einem solchem Ausmaß lebendig
blieb.
In der Pfarre Gürzenich, die zu den ältesten der Voreifel zählt, wurde der hl. Hubertus als zweiter Schutzpatron besonders verehrt. Wie an manchen anderen Orten bestand auch hier
eine Bruderschaft zu seinen Ehren. Diese Bruderschaft war möglicherweise ursprünglich eine Gemeinschaft mit rein kirchlichem Charakter, der das Schützenwesen als zusätzliches
weltliches Element angegliedert wurde. Im Jahre 1698 verlieh Papst Innozenz XII den Hubertusablass für Bruderschaft und Kirche in Gürzenich.
Das Fest des hl. Hubertus war früher ein hoher Festtag in Gürzenich. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nahm die Hubertusverehrung bei uns noch zu, besonders nachdem im Jahre 1805
unsere Pfarrkirche mit einer Reliquie des Heiligen beschenkt wurde. Gürzenich war seitdem lange Zeit eine Wallfahrtsstätte, zu der am Hubertustag Pilger von nah und fern
kamen.
Im Jahre 1828 erteilte die Regierung die Erlaubnis zur Abhaltung von zwei Kram- und Viehmärkten in jedem Jahr, von denen einer auf den Hubertustag fiel. Die jährlichen Wallfahrten
und Märkte in Gürzenich fanden bis etwa 1870 statt. Bis auf den heutigen Tag führt unsere Schützenbruderschaft die im Mittelalter begründete Tradition unter dem Patronat des hl.
Hubertus fort.
Vielleicht denken wir heute meist weniger an den heiligen Bischof und seine Rolle in der Kirche, sondern haben vor allem die spätere Jagdlegende mit dem Kreuzhirsch oder Hubertus
als begeisterten Jägersmann und Schützen vor Augen. Manchmal sah man in ihm nur noch ein von Leben und Person losgelöstes Symbol für Jagd und Schießsport.
Wie so oft hat sich damit eine ursprünglich traditionelle Lebensform nun in neuer Funktion auch im Leben der Gegenwart ihren Platz gesichert. Dennoch sollten wir nicht vergessen,
dass Person und Name des hl. Hubertus und seine Verehrung durch viele Jahrhunderte hindurch bedrängten Menschen in fast aussichtsloser Situation Trost, Sicherheit und Hilfe
boten.
(entnommen aus der Festschrift anlässlich des 650-jährigen Jubiläums der Bruderschaft)
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